Energieversorger verkaufen längst mehr als Kilowattstunden: Ladestrom an öffentlichen Säulen, Wallbox- und PV-Pakete, Wärme-Contracting, Zusatzleistungen rund um den Messstellenbetrieb. All das muss abgerechnet werden – idealerweise auf derselben Rechnung und über dasselbe Vertragskonto wie der Energievertrag. Genau dafür gibt es SAP Convergent Invoicing, kurz CI.
In diesem Beitrag erklären wir, was Convergent Invoicing ist, wie der Ablauf vom abrechenbaren Posten bis zur Rechnung funktioniert, wie CI mit SAP IS-U zusammenspielt und worauf es in Projekten ankommt. Grundlage ist das Vertragskontokorrent – wer SAP FI-CA kennt, hat schon die halbe Miete.
Was ist SAP Convergent Invoicing?
SAP Convergent Invoicing ist eine Komponente innerhalb des Vertragskontokorrents (FI-CA) und Teil von SAP Billing and Revenue Innovation Management (BRIM). CI sammelt Abrechnungsdaten aus beliebigen Quellen – eigenen Vorsystemen, Ladeinfrastruktur-Backends, Portalen oder SAP Convergent Charging –, rechnet sie ab, fasst sie zu Rechnungen zusammen und bucht die Forderungen direkt auf das Vertragskonto des Kunden.
Der Begriff „konvergent“ beschreibt genau diesen Kern: Unterschiedliche Leistungen aus unterschiedlichen Systemen laufen in einer Rechnung und einem Kontokorrent zusammen. Der Kunde sieht eine Rechnung, das Forderungsmanagement arbeitet mit einem Saldo, und Zahlungen, Mahnungen und Klärfälle laufen über die bewährten FI-CA-Prozesse.
Der Ablauf: vom abrechenbaren Posten zur Rechnung
Der Prozess in CI folgt einer klaren Kette, die man in jedem Projekt verstanden haben sollte:
- Verbrauchsposten (Consumption Items): Rohdaten wie einzelne Ladevorgänge oder Nutzungsereignisse, die noch nicht bepreist sind. Sie können in CI gespeichert und bewertet werden – intern oder über SAP Convergent Charging, inklusive Neubewertung (Rerating), wenn sich Preise rückwirkend ändern.
- Abrechenbare Posten (Billable Items): bepreiste Positionen, die einem Vertragskonto und meist einem Providervertrag zugeordnet sind. Sie kommen entweder aus der Bewertung oder werden von Vorsystemen bereits fertig bepreist angeliefert. Welche Felder ein Posten trägt, legen die Klassen abrechenbarer Posten fest.
- Abrechnung (Billing): Die abrechenbaren Posten werden nach definierten Regeln gruppiert und zu Abrechnungsbelegen verdichtet.
- Fakturierung (Invoicing): Aus einem oder mehreren Abrechnungsbelegen entsteht der Fakturierungsbeleg – die eigentliche Rechnung. Gleichzeitig werden die Forderungen in FI-CA gebucht, und Steuer, Druck und Ausgangskanal werden bestimmt.
Ab diesem Punkt ist alles klassisches Vertragskontokorrent: Zahlungseingang, Lastschrift, Ausgleich, Mahnverfahren und Inkasso. Das ist ein großer Vorteil gegenüber Insellösungen, die eigene Debitorenkonten führen und später mühsam abgestimmt werden müssen.
Convergent Invoicing und SAP IS-U: eine Rechnung für alles
Für Versorger ist vor allem die Integration mit SAP IS-U interessant. Seit SAP Enhancement Package 7 für SAP ERP 6.0 (SP04) gibt es eine eigene Business Function, mit der Leistungen aus Convergent Invoicing gemeinsam mit dem Energieverbrauch fakturiert werden können, den die IS-U-Abrechnung ermittelt. Der Kunde erhält also eine Rechnung über Strom, Gas und Zusatzleistungen.
Technisch laufen dabei zwei Welten zusammen: Die IS-U-Abrechnung erzeugt ihre Abrechnungsbelege wie gewohnt, CI liefert seine Abrechnungsbelege zu, und die Fakturierung führt beides zusammen. Für den Betrieb steht ein Monitor bereit, in dem offene Fakturierungsaufträge aus IS-U und CI überwacht werden. In der Praxis ist genau dieses Zusammenspiel – Zeitpunkte, Fakturierungseinheiten, Rechnungslayout – der Teil, der die meiste Abstimmung braucht.
Typische Einsatzszenarien bei Energieversorgern
- E-Mobilität: Ladevorgänge aus dem Backend der Ladeinfrastruktur kommen als Verbrauchs- oder abrechenbare Posten und werden monatlich gesammelt abgerechnet.
- Produkt- und Servicepakete: Wallbox, PV-Anlage, Wärmepumpe oder Wartungsverträge mit wiederkehrenden Entgelten, Einmalpreisen oder Ratenzahlung.
- Zusatzleistungen im Messstellenbetrieb: Leistungen, die über die Standardleistungen hinausgehen und flexibel bepreist werden müssen.
- Contracting und Wärme: Grund- und Leistungspreise kombiniert mit nutzungsabhängigen Komponenten.
- Geschäftskunden: Über Rahmenverträge (Master Agreements) lassen sich Konditionen über viele Verträge und Standorte hinweg steuern.
Convergent Invoicing oder IS-U-Abrechnung?
CI ersetzt die IS-U-Abrechnung nicht. Die IS-U-Abrechnung ist auf Energie optimiert: Zählpunkte, Zählerstände, Tarife, Abschläge, Turnus- und Schlussrechnungen. CI spielt seine Stärken dort aus, wo Leistungen ereignisbasiert, in hoher Stückzahl oder aus fremden Systemen kommen und keine Geräte- oder Zählerlogik brauchen. Die Faustregel aus unseren Projekten: Was einen Zähler hat, bleibt in IS-U. Was ein Ereignis oder ein Produkt ist, gehört eher in CI.
Convergent Invoicing in SAP S/4HANA Utilities
Auch in SAP S/4HANA Utilities ist Convergent Invoicing Teil des Vertragskontokorrents, und die Integration in die Bill-to-Cash-Prozesse bleibt erhalten. Für Versorger, die ihre Migration planen, ist das eine gute Gelegenheit, Sonderlösungen auf den Prüfstand zu stellen: Viele Zusatzleistungen, die heute über Z-Programme, manuelle Rechnungen oder separate Systeme laufen, lassen sich im Zuge der Umstellung sauber in CI überführen.
Worauf es in CI-Projekten ankommt
- Klassen abrechenbarer Posten bewusst schneiden: Zu viele Klassen machen den Betrieb unübersichtlich, zu wenige zwingen zu Sonderlogik. Das Datenmodell früh mit den Vorsystemen abstimmen.
- Fehlerbehandlung beim Upload planen: Posten ohne gültiges Vertragskonto oder mit falschen Daten landen in Klärung. Wer bearbeitet sie, und wie schnell?
- Rechnungsbild früh festlegen: Wie CI-Positionen neben der Energie auf der Rechnung erscheinen, entscheidet über Akzeptanz beim Kunden und über das Aufkommen im Kundenservice.
- Massenläufe und Zeitpläne abstimmen: Abrechnung und Fakturierung in CI laufen als Massenaktivitäten. Sie müssen in den bestehenden Nachtlauf mit IS-U-Abrechnung, Fakturierung und Zahlungslauf passen.
- Mit realistischen Volumen testen: Ereignisbasierte Daten wie Ladevorgänge erzeugen schnell große Mengen. Performance-Tests gehören vor den Go-live, nicht danach.
Häufige Fragen zu SAP Convergent Invoicing
Ist Convergent Invoicing ein Teil von SAP IS-U?
Nein. CI gehört zum Vertragskontokorrent (FI-CA) und ist branchenübergreifend einsetzbar. Für Versorger gibt es eine eigene Integration, mit der CI-Leistungen zusammen mit der IS-U-Abrechnung fakturiert werden.
Brauche ich SAP Convergent Charging?
Nicht zwingend. Wenn Vorsysteme bereits bepreiste Posten liefern oder die Bewertung in CI ausreicht, kommt man ohne Convergent Charging aus. Für komplexe, nutzungsabhängige Preismodelle kann es sinnvoll sein.
Was ist der Unterschied zwischen Abrechnung und Fakturierung in CI?
Die Abrechnung verdichtet abrechenbare Posten zu Abrechnungsbelegen. Die Fakturierung macht daraus die Rechnung, bucht die Forderung in FI-CA und steuert Steuer und Ausgabe.
Fazit
SAP Convergent Invoicing ist für Versorger der Weg, neue Geschäftsmodelle abzurechnen, ohne das bewährte Kontokorrent zu verlassen. Entscheidend sind ein sauberes Datenmodell, eine durchdachte Integration mit der IS-U-Fakturierung und ein Betrieb, der Klärfälle im Griff hat. Mehr dazu, wie wir CI-Projekte begleiten, finden Sie auf unserer Seite zu Convergent Invoicing – oder Sie sprechen uns direkt an.
